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Press release: Beeinflussen Landwirtschaft und Klima die Ernährung von Bodentieren?
No. 58 - 12.05.2026
Forschungsteam untersucht Nahrungsketten in Bodenproben aus 19 Ländern
(pug) Böden beheimaten einige der vielfältigsten Tiergemeinschaften der Erde. Unzählige Springschwänze, Milben, Regenwürmer, Spinnen und andere Arthropoden zersetzen hier organisches Material, regulieren die Gemeinschaften der Mikroorganismen und tragen zum Nährstoffkreislauf bei. Damit sind sie für gesunde, fruchtbare Böden und deren nachhaltige Bewirtschaftung unverzichtbar. Doch es ist wenig darüber bekannt, wie die Ernährung der Bodentiere durch Landnutzung und Klima beeinflusst wird. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Göttingen hat nun gezeigt, dass die Gemeinschaften der Bodentiere in Agrarlandschaften und in den Tropen eine höhere Vielfalt von Ernährungsweisen aufweisen als anderenorts. Diese „trophische Vielfalt“ ist entscheidend für die Stabilität von Ökosystemen in Zeiten des globalen Wandels. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution veröffentlicht.
Die Forschenden haben über 17.000 Bodenproben von 456 Standorten in 19 Ländern untersucht, in denen 28 Gruppen von Bodentieren vertreten waren. Aus den Verhältnissen von Kohlenstoff- und Stickstoffisotopen konnten sie dabei die trophische Vielfalt der Gemeinschaften ableiten. Bodentiere wie Milben und Springschwänze, die von Pilzen und anderen Mikroorganismen leben, weisen demnach vielfältigere Ernährungsweisen auf als solche, die sich wie Regenwürmer von toter organischer Substanz oder als Räuber von anderen Tieren ernähren. Das deutet darauf hin, dass sie ein breiteres Spektrum an Ressourcen nutzen und in den Nahrungsketten des Ökosystems unterschiedlichere Rollen einnehmen.
Außerdem ist die trophische Vielfalt der Bodentiere in Agrarlandschaften etwa 30 Prozent höher als in Wäldern. Das widerspricht der Annahme, dass intensive Landnutzung ökologische Gemeinschaften in aller Regel vereinfacht. „Das heißt nicht, dass die Landwirtschaft für die Biodiversität im Boden förderlich ist“, betont Erstautor Dr. Zheng Zhou, der inzwischen an der Universität Hohenheim forscht. „Unsere Ergebnisse deuten vielmehr darauf hin, dass Ressourcenknappheit und Störungen in Agrarlandschaften Bodentiere zwingen, sich in ihrer Nahrungsaufnahme breiter aufzustellen. Die Flexibilität kann zum Erhalt der Bodenfunktionen beitragen, aber auch den Verlust spezialisierter Arten widerspiegeln.“
Zudem ist die Vielfalt der Ernährungsweisen laut Studie in den Tropen etwa 40 Prozent höher als in gemäßigten Regionen. Das hängt nicht nur mit der höheren Artenvielfalt zusammen. Stattdessen spezialisieren sich Gruppen von Bodentieren dort stärker auf verschiedene ökologische Nischen. Tropische Böden zeichnen sich durch eine klimatisch bedingt schnelle Zersetzung aus, wodurch sich organische Substanz wenig anreichert, was zu einem starken Wettbewerb um Nahrung führt. Unter den Bedingungen teilen sich Bodentiere Ressourcen wahrscheinlich feiner auf oder erweitern ihr Nahrungsspektrum.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Bodentiere mit Veränderungen in der Landnutzung an ihre spezifische Position in einer Nahrungskette oder einem Nahrungsnetz anpassen“, sagt Prof. Dr. Stefan Scheu aus der Abteilung Tierökologie der Universität Göttingen. „Die Flexibilität kann dazu beitragen, die Auswirkungen des globalen Wandels auf wesentliche Prozesse in Ökosystemen, wie die Zersetzung und den Nährstoffkreislauf, abzufedern.“ Allerdings wirft dies laut Scheu eine Frage auf: Können Bodentiere, die flexible Generalisten sind, langfristig die Rolle von Spezialisten in gestörten Ökosystemen ersetzen?
Die Studie macht deutlich, dass die Biodiversität in Böden nicht allein durch das Zählen von Arten erfasst werden kann. Erkenntnisse darüber, welche Rollen Bodentiere in den eng verwobenen Nahrungsketten spielen und wie diese Rollen sich über Landnutzungssysteme und Klimaregionen hinweg verändern, sind entscheidend für Prognosen zur Stabilität des Ökosystems im globalen Wandel.
Originalveröffentlichung: Zhou et al. Greater trophic diversity of soil animal communities under agricultural land use and tropical climate. Nature Ecology & Evolution (2026). DOI: 10.1038/s41559-026-03014-4
Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Scheu
Georg-August-Universität Göttingen
Institut für Zoologie & Anthropologie
Arbeitsgruppe Tierökologie
Untere Karspüle 2, 37073 Göttingen
Telefon: 0551 39-25445
E-Mail: sscheu@gwdg.de
Internet: www.uni-goettingen.de/de/107728.html