Henning Eichhorst
Dissertationsprojekt
Sozialgeschichte des Verfahrens. Textallianzen und Schriftalltag des Göttinger Universitätsgerichts (ca. 1770–1870)
Die akademische Gerichtsbarkeit zählte bis ins späte 19. Jahrhundert zu den zentralen Institutionen des europäischen Universitätswesens. Als Ausdruck korporativer Autonomie verlieh sie den Universitäten das Recht, über ihre Mitglieder wie auch über Teile der städtischen Bevölkerung zu richten. In Göttingen, wo sie seit der Gründung 1737 bestand, verhandelte sie für ein außerordentlich heterogenes Publikum: Professoren neben Dienstmägden, Studenten neben Witwen, Universitätsverwandte neben Schutzjuden. Die Forschung hat diese Institution vor allem aus zwei Perspektiven betrachtet: rechtsgeschichtlich, mit Blick auf Verfassung und Zuständigkeit, sowie sozialgeschichtlich, mit Fokus auf studentische Devianz, Disziplinierung und akademische Lebenswelten. Wo andere Gruppen in den Blick geraten, dienen die Gerichtsakten meist der Rekonstruktion sozialer Konflikte. Kaum untersucht ist hingegen, wie das Gericht im Verfahrensalltag arbeitete: wie Klagen angenommen, Beweise zugelassen, Kosten verteilt und Entscheidungen vorbereitet wurden. Hier setzt das Dissertationsprojekt an. Es untersucht das Göttinger Universitätsgericht zwischen 1770 und 1870 als schriftgebundenen Vollzugsapparat, in dem Konflikte in Rechtsfälle übersetzt wurden. Im Mittelpunkt stehen die Textallianzen, Schwellen und Sequenzen des Verfahrens: Wer fand Zugang zum Gericht, wer scheiterte früh, und wie prägten Schriftlichkeit, Beweisanforderungen und Kostenpflichten die Handlungsmöglichkeiten der Beteiligten? Die Akten erscheinen dabei nicht als neutrales Fenster auf soziale Wirklichkeit, sondern als operativer Raum gerichtlicher Praxis. Auf Grundlage des umfangreichen Göttinger Aktenbestands verbindet die Arbeit eine breite Korpuserhebung mit der dichten Rekonstruktion ausgewählter Fälle. Sie fragt nach einer Sozialgeschichte des Verfahrens und zeigt, wie soziale Differenz nicht nur vor Gericht sichtbar wurde, sondern im Schriftalltag entstand, verfestigt und aktenförmig fixiert wurde.
Vita
- Seit 10/2025: Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand, Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen (Betreuer: Prof. Dr. Marian Füssel)
- 10/2022–06/2025: Masterstudium der Geschichte, der Germanistik und der Bildungswissenschaften, Georg-August-Universität Göttingen (mit Auszeichnung)
- 05/2023–06/2025: Studentische Hilfskraft & Tutor, Abteilung Frühe Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte, Georg-August-Universität
- 08/2021–12/2021: Studentische Hilfskraft, Abteilung Deutsche Philologie, Georg-August-Universität
- 11/2019–07/2021: Studentische Hilfskraft, Wallstein Verlag GmbH
- 10/2019–09/2022: Bachelorstudium der Geschichte und der Germanistik an der Universität Göttingen (mit Auszeichnung)
- 06/2019–08/2019: Assistenz im Marketing, Rowohlt Verlag GmbH
- 08/2017–06/2019: Ausbildung zum Medienkaufmann Digital und Print, Rowohlt Verlag GmbH (mit Auszeichnung)
Forschungsinteressen
- Göttinger Stadt- und Universitätsgeschichte
- Sozial- und Kulturgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts
- Historische Kriminalitätsforschung
- Antisemitismus- und Minderheitenforschung
- Kultur- und Wissensgeschichte der Aufklärung
Preise, Stipendien
- 07/2023: Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät Göttingen für den besten Bachelorabschluss
- 10/2022–09/2023: Deutschlandstipendium
- 10/2020–09/2021: Deutschlandstipendium
Publikationen
- Vom lokalen Schuldenfall zum öffentlichen Skandal: Ferdinand Grote und die Verhandlung studentischer Schulden in Göttingen (1779–1804), in: Göttinger Jahrbuch 74 (2026) (angenommen).
Vorträge
- Die Erfindung eines Skandals: Ferdinand Grote und die Verhandlung studentischer Schulden in Göttingen (1779–1804). Vortragsreihe Göttinger Geschichtsverein. Städtisches Museum Göttingen, 14. April 2026.
- Sozialgeschichte des Verfahrens. Textallianzen und Schriftalltag am Universitätsgericht Göttingen, ca. 1770–1870 (Vorstellung Dissertationsprojekt). Georg-August-Universität Göttingen, Forschungskolloquium Frühe Neuzeit, 28. April 2026.